Der Schneemann mit der roten Mütze

Es war einmal ein kleines Haus, mit einem kleinen Garten, der um die Weihnachtszeit mit weißem Schnee bedeckt war. In dem Garten stand ein Baum, an dem im Sommer eine Schaukel hing, denn es wohnten Kinder in dem kleinen Häuschen, die viel spielten und tobten. Jetzt im Winter hing die Schaukel nicht am Baum aber dafür ein Vogelhäuschen, in dem sich die Kohlmeisen und die Amseln um das Futter balgten.
Und neben dem Baum stand eine Gestalt.
Es war ein weißes Männlein, mit einem schräg verzogenen Mund aus schwarzen Steinen, einer Karottennase und einer roten Pudelmütze.
Die Pudelmütze hatte die Großmutter für die Kinder gestrickt.
Als die Kinder ihrer Mutter stolz ihren fertigen Schneemann gezeigt hatten, hatte diese zunächst geschimpft, weil die Pudelmütze eigentlich für den Kopf eines Kindes und nicht für den eines Schneemanns gedacht war und die Familie hatte auch nicht viel Geld, um Mützen für die vielen Kinder und nun auch noch für einen Schneemann zu kaufen.
Aber der kleine Kerl sah so traurig und entzückend zugleich aus und die Kinder schauten so enttäuscht, dass der Schneemann seine Mütze schließlich behalten durfte. Die Großmutter könnte ja eine neue Mütze stricken, da war sie wenigstens gut beschäftigt.
Doch die Großmutter strickte keine Mütze mehr, denn die Großmutter starb, einen Tag, nachdem der Schneemann geboren wurde- Von kleinen Kinderhänden gebaut. Und die kleinen Hände waren auch das letzte, was die Großmutter auf ihrer Haut spürte, während sie hinüber glitt, in die andere Welt.
Nun ist es ja nicht unbedingt ungewöhnlich, dass ein alter Mensch stirbt, auch wenn man sich wirklich einen netteren Zeitpunkt dafür aussuchen kann, als den Tag vor Weihnachten. Aber in diesem Fall war es ganz besonders traurig, denn die Familie hatte nicht viel Geld und die Eltern mussten, wie jedes Jahr, beide an Heilig Abend arbeiten.
Und wie jedes Jahr wollte die Großmutter mit ihren Enkeln den Weihnachtsabend verbringen, Lieder singen, Geschichten von früheren Weihnachten erzählen, als die Großmutter selbst noch ein Kind war, und viele selbstgebackene Kekse essen.
Doch dieses Jahr würde die Großmutter wohl Kekse mit dem Christkind höchst persönlich essen, darin zumindest waren die Kinder sich einig. Denn ein so lieber und guter Mensch, wie die Großmutter es war, musste im Himmel mit allen Ehren empfangen werden, daran bestand kein Zweifel. Aber es war ein schwacher Trost.
Denn von dort oben konnte sie unmöglich auf so viele Kinder aufpassen.
Und so stand fest, dass die Kinder den Weihnachtsabend dieses Jahr nicht Zuhause verbringen würden, sondern bei der Tante Elisabeth, die immer furchtbar ernst war und es gar nicht mochte, wenn Kinder laut durchs Haus tobten. Auch ihr Mann Otto mochte das nicht. Vielleicht hatten sie deswegen keine Kinder, sondern nur einen sprechenden Papagei und einen fetten Kater, der sich alle Nase auf den Teppich erbrach.
Ach was würde es für ein trauriges Weihnachtsfest werden. Sicher waren die Tante und der Onkel keine schlechten Menschen und sie hatten keinen Moment gezögert, die Kinder für die Feiertage bei sich aufzunehmen, aber gerne taten sie es sicher nicht und sicher würden sie auch nicht singen tanzen und Geschichten erzählen.
Am Tag vor Heilig Abend brachten die Eltern also eine ganze Schaar trauriger Kinder ins Bett und es brach Ihnen beinahe das Herz. Sonst war dieser Tag immer so lustig und voller Leben gewesen, voller knisternder Vorfreude und weihnachtlichen Düften.
Dieses Jahr war alles traurig und grau. Daran änderten auch die vielen Kerzen nichts, die die Mutter wie jedes Jahr aufgestellt hatte.
Dieses Jahr stellte sie noch eine besonders schöne Kerze ins Fenster, für die Großmutter.
„Falls Sie uns noch einmal besuchen möchte, dann findet sie wenigstens den Weg,“ Hatte sie gesagt.
Mitten in der Nacht, wachte eines der Mädchen auf. Die Traurigkeit hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Sie saß im Bett und hörte den gleichmäßigen Atem ihrer Geschwister. Niemand sonst war wach. Leise schlich sie aus der Kammer. Im Flur zog sie ihren dicken Mantel über das weiße Nachthemd und schlüpfte in die warmen Stiefel. Leise drehte sie den Schlüssel der Haustür im Schloß herum und trat hinaus in die dunkle Nacht. Es hatte noch einmal geschneit. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, als sie durch den Garten schritt. Über ihr funkelten die Sterne, es war eine klirrend kalte, klare Nacht.
Vor dem Schneemann blieb sie stehen. Sie strich liebevoll den frischen Schnee von der Pudelmütze und der Karottennase. Dann setzte sie sich neben ihn in den Schnee und sah in den Sternen übersäten Himmel.
„Liebe Großmutter, “ begann sie schließlich, „ich weiß du kannst mich hören. Und ich weiß auch, dass es dir gut geht, da wo du jetzt bist. Aber wir vermissen dich so sehr. Und morgen ist Weihnachten. Ich möchte in diesem Jahr keine Geschenke haben, für die Mama und Papa so viel arbeiten müssen. Ich wünsche mir, dass wir Weihnachten mit einem Menschen verbringen, der uns lieb hat und dass es so schön wird, wie all die Jahre zuvor mit dir.“ Sie blieb noch eine Weile neben dem Schneemann sitzen, dann schlich sie zurück ins Haus.
Wenn nun einer in diesem Moment in diesem Garten gestanden hätte, er hätte etwas zu Gesicht bekommen, was sicher noch niemand jemals zuvor gesehen hatte. Der Schneemann weinte eine kleine Träne, die im Sternen Licht glitzerte und lautlos zu Boden fiel.
Am nächsten Morgen standen alle früh auf, wie jedes Jahr, um wenigstens die Morgenstunden besinnlich beisammen sein zu können. Die Eltern hatten das Haus mit Tannenzweigen, roten kugeln, Engeln und vielen Kerzen geschmückt. Es roch nach Anis und Zimt und Plätzchen und heißem Apfel. Doch so sehr sich alle bemühten froh und unbekümmert zu tun, es wollte einfach keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen.
Der Vater las den Kindern wie in jedem Jahr die Weihnachtsgeschichte vor und gerade als er an der Stelle war, wo Adam und Eva von Tür zu Tür wanderten aber nirgendwo willkommen sind, denkt euch, da ging die Tür auf und wer kam herein? Onkel Joe aus Amerika. Onkel Joe, der eigentlich Johannes hieß und der vor vielen Jahren ausgewandert war, um ein neues Leben anzufangen. Seit fünf Jahren war er nicht mehr bei seiner Familie gewesen und man hatte nur wenig von ihm gehört in dieser Zeit. Doch da stand er nun, der Onkel, der immer so lustig war und immer die besten Verstecke die lustigsten Witze und die wildesten Flüche wusste. Der Onkel bei dem man auf dem Rücken reiten durfte und der die besten Geschichten kannte, von Räubern und Halunken und armen Teufeln, die ihr Glück in der Welt suchten. Voll bepackt mit Geschenken und mit glühend roten Wangen, über das ganze Gesicht strahlend.
Die Kinder umringten ihn und jubelten und riefen alle durcheinander. Die Mutter weinte, weil sie ihren Bruder so lange nicht gesehen hatte und er nun wohlbehalten und gesund vor ihr stand. Alle küssten und herzten sich und dann setzten sie sich vor dem Ofen zusammen und tranken Punsch und lauschten gespannt den Erzählung von Onkel Joe. Er hätte es in Amerika zu was gebracht, fühle sich dort wie Zuhause. Doch eines nachts hatte er eine Stimme gehört die ihm sagte, er müsse nun nach Hause gehen. Ohne zu Zögern hatte er sich eine Fahrkarte gekauft und hatte die lange Reise heimwärts angetreten. Und er sei ja wohl zur rechten Zeit gekommen. Natürlich sei es ganz ausgeschlossen, dass die Kinder zur grimmigen Tante Elisabeth gingen. Nein sie würden Weihnachten Zuhause verbringen mit Onkel Joe und sie würden den Spaß ihres Lebens haben.
Und so wurde es doch noch ein gesegneter Weihnachtstag. Die Eltern gingen zur Arbeit und die Kinder hatten den größten Spaß, tanzten die wildesten Tänze, lernten ganz neue Lieder und durften überhaupt ganz viele Sachen, die die Eltern nie erlaubt hätten, noch nicht einmal die Großmutter.
Als es dunkel wurde zündeten sie Laternen an und wanderten durch die weiße Welt zur Weihnachtsmesse.
Als Onkel Joe am Schneemann vorbei kam legte er ihm einen Arm um die Schulter und sagte: “ Hello old friend. Nett dass du hier für mich die Stellung gehalten hast.“
Nach der Messe aßen sie zusammen und dann endlich durften die Kinder die vielen bunten Päckchen auspacken, die der Onkel mitgebracht hatte, mit all den wunderlichen Dingen aus Amerika.
Spät am Abend saßen sie vor dem Feuer, tranken heiße Schokolade und der Onkel erzählte die spannendsten Geschichten vom fernen Kontinent, von Abenteuern, Freundschaften und atemberaubenden Landschaften.
Als die Eltern in der Nacht nach Hause kamen, fanden sie ein wildes Durcheinander vor. Die Kinder lagen in ihren Betten, erschöpft und glücklich, und schliefen seelig. Auch Onkel Joe lag schon auf der Küchenbank und schnarchte laut. Jedes Kind bekam noch einen Kuss. Und dann hielten sich die Eltern an den Händen und sahen sich glücklich an. „Frohe Weihnachten!“ Sagte der Vater.
Und draußen vor der Tür stand ein kleiner Schneemann, mit einer roten Pudelmütze, und lächelte ein schräges Schneemann Lächeln.

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