Ein Weihnachtsmärchen im Wichtelwald

Hoch oben im Norden gibt es einen Wald, der beinahe so alt ist, wie die Welt selbst. Dort stehen riesige Bäume, die viele hundert Jahre alt sind, hohe Berge und tiefe Täler, reißende Flüsse, die sich tief ins Gestein graben und hier und dort fällt ein Wasserfall donnernd in die Tiefe. Im Sommer gibt es viel Leben in diesem Wald. Auf dem moosbewachsenen Boden wachsen Pilze, Beeren und bunte Blumen und allerlei Tiere schleichen durch das Unterholz. Eichhörnchen schwingen sich von Baum zu Baum, Vögel singen, Hirsche und Elche schreiten majestätisch umher und Füchse und Hasen ziehen ihre Jungen auf, in ihren gemütlichen Erdhöhlen.

Doch jetzt im Winter liegt alles unter einer dicken Schneedecke. Keine Menschenspuren hat man hier je gesehen. Dafür aber solche, die ihnen sehr ähneln, nur sind sie sehr viel kleiner. Denn unter knorrigen alten Wurzeln führen hinter schweren Holztüren kleine Gänge in unterirdische Höhlen, in denen die Wichtel wohnen. Man erkennt ihre Behausungen daran, dass kleine Rauchwolken aus den Feuerlöchern aufsteigen, die sie tief in die Erde gegraben haben. Vielleicht wäre das recht leichtsinnig, wenn es hier Menschen gäbe. Denn sie verstehen die Sprache der Wichtel nicht, und sie müssen alles ausgraben und untersuchen, was für sie fremd und geheimnisvoll ist. Ihnen fehlen der Respekt und die Achtung vor dem Leben anderer Geschöpfe. Doch die Wichtel, so sehr sie den Menschen auch ähneln, leben in Frieden und im Einklang mit der Natur und allen Wesen, die sie hervorbringt. Sie lieben und verehren auch die Menschen, wenn sie sie auch ängstlich und ehrfürchtig meiden. Da es aber hier im Wald keine Menschen gibt, gibt es auch niemanden, vor dem sie sich verstecken müssten. Einem Tier würden die Wichtel niemals auch nur ein Haar krümmen. Im Gegenteil, sie helfen ihnen, wo sie nur können. Darum haben sie von ihnen nichts zu befürchten.

Wichtel sind lustige, gutmütige Gestalten, denen man ihre Geschicklichkeit und Flinkheit nicht unbedingt ansieht. Sie haben runde Gesichter und runde Bäuche, rote Backen und ihr Lachen reicht über das ganze Gesicht. Sie tragen rote Mützen, wie die Menschen es sich in ihren Geschichten erzählen und erdfarbene Gewänder und Schürzen. Sie können sehr alt werden und tun es meistens auch, denn sie sind zu sich selbst so gut, wie zu allen anderen. Sie schlafen immer zu den gleichen Zeiten und stehen früh auf, um den Tag im Morgengrauen zu begrüßen. Sie wandern meilenweit durch die Wälder, klettern auf Felsen und Bäume und schwimmen in den Seen und Flüssen, sie lachen viel, erzählen Geschichten und singen Lieder, sie essen gerne, aber niemals zu viel und sie essen die Dinge meist so, wie die Natur sie ihnen gibt. Es sei denn, sie machen sie für den Winter haltbar.

Im Herbst sind sie immer sehr geschäftig, denn viel gibt es für den langen Winter vorzubereiten. Sie holen Feuerholz ein, mahlen Mehl aus Wildkorn, ernten Beeren und Früchte, machen Gemüse ein, sammeln Honig, den die Bienen ihnen freundlich schenken, kochen Marmeladen und Sirup, ziehen Kerzen und binden Garben aus Heu und Korn. Die Höhlen werden ein letztes Mal kräftig ausgefegt, die Schlafecken mit frischem Heu ausgelegt, die Wäsche wird noch einmal gründlichgewaschen und die Kammern mit frischem Tannengrün geschmückt.

Schließlich stellen die Familien ihre Geschäftigkeit ein und verkriechen sich zur Winterruhe in ihre Höhlen. Es wohnen immer bis zu vier Familien in einer Höhle, die meist näher miteinander verwandt sind. Zieht einmal eine Familie in die Ferne, wird sie bereitwillig und ganz selbstverständlich von jeder fremden Familie aufgenommen. Die Töchter bleiben in der Regel bei ihren Müttern, und die Männer verlassen ihre Familien und ziehen zu ihren Frauen. So ist es seit jeher Brauch. Die Wichtel sind freundliche und offenherzige Geschöpfe, doch sie hängen an ihren Riten und Bräuchen. Zum Glück sind sie auch neugierig und jederzeit bereit, einen neuen Brauch auszuprobieren und gegebenenfalls zu übernehmen. Alles was sie tun hat einen geradezu zeremoniellen Charakter. Das fängt schon beim morgendlichen Waldblütentee an und endet am Abend mit Gebeten und Dank, an Mutter Natur.

Im Winter schlafen sie recht viel und stehen erst kurz vorm Morgengrauen auf. Dann schütteln sie ihre Betten auf und versammeln sich vor dem Feuer zu einem Moment des gemeinsamen Schweigens. Sie essen nur zweimal am Tag. Am späten Vormittag und am späten Nachmittag. Nur die Kinder bekommen am Morgen eine dicke Nussmilch mit Honig, während die Erwachsenen ihren Tee schlürfen. Die wenigen hellen Stunden des Tages verbringen die Wichtel im Freien. Sie wandern durch den weißen Wald und sehen nach den Tieren. Sie verteilen Heu und Korn an halb verhungerte Tiere, versorgen Verletzungen und machen den Tieren Mut und Hoffnung. Die Winter hier oben sind lang und hart und nur die gesündesten können sie überstehen. Und manches Mal besteht die Aufgabe der Wichtel darin, ein Tier beim Sterben zu begleiten.

Sobald es dunkel wird, verschwinden die Wichtel wieder in ihren gemütlichen Höhlen, zünden Kerzen an und essen gemeinsam. Danach singen und lachen sie, erzählen Geschichten und verrichten ihre Handarbeiten. Es wirde genäht und gestrickt, gehäkelt und gestickt, geschnitzt und gebunden. Körbe werden geflochten, Stiefel repariert, Krüge und Schüsseln bemalt und verziert und die Kinder malen und basteln mit den Dingen, die sie den Sommer über in den Wäldern gesammelt haben. Oder sie spielen mit Strohpuppen und geschnitzten Spielzeugen, die sie im nächsten Sommer der Natur zurück geben werden. Denn die Wichtel horten niemals etwas. Sie nehmen sich aus der Natur was sie brauchen und ebenso selbstverständlich, geben sie es auch wieder zurück, wenn sie es nicht mehr brauchen.

In den Höhlen ist es schrecklich gemütlich, auch im Sommer, aber im Winter ganz besonders. Die Bänke an den Wänden werden mit Tannenzweigen belegt, an den Wänden hängen Girlanden aus Zweigen, Eicheln, roten Äpfeln und Tannenzweigen und bunt bemalte Glaskugeln. Überall leuchten Kerzen. Im großen Raum befindet sich der große Esstisch, vor der Feuerstelle stehen kleine Hocker und liegen viele heugefüllte Kissen in einem Halbkreis. Dort sitzen die Wichtel stets zusammen, am Morgen und am Abend. Von dem Hauptraum gehen drei bis vier etwas kleinere Räume und eine große, etwas tiefer gelegene Kammer ab. Die kleinen Räume sind mit Stroh und Heu ausgelegt und darauf liegen viele Decken und Kissen. Hier schlafen die Familien zusammen. Die Großmütter und die Großväter, die Mütter und die Väter, die Vettern und die Basen, die Onkel und die Tanten und viele kleinere und größere Kinder. Alle kuscheln sich dicht zusammen und wärmen sich gegenseitig. In der großen Kammer lagern die Vorräte. Dort gibt es lange Leinen mit getrockneten Pilzen, Beeren, Apfelringen und Knäckebroten, Säcke mit Wildkornmehl und Nüssen, große Gläser mit Honig, Sirup und Marmelade, Fässer mit sauer eingelegtem Kraut und Gurken, eingemachtem Obst und Gemüse und getrocknetem Waldblütentee, große Sandkisten mit Möhren, Wurzeln und Kartoffeln, Kisten mit wilden Äpfeln und Birnen und außerdem bunte Dosen randvoll mit Keksen und Plätzchen. Auch die Heu- und Korngarben für die Tiere liegen hier.

Die Wichtel feiern im Winter viele Feste. Ein Mondes, die Wintersonnenwende, ein Lichterfest, ein Fest des Neujahrswindes, ein Fest der Elfen, das große Fest der Waldtiere, das Fest der schlafenden Bäume und das Frostfest und so weiter und so weiter. Und sie feiern auch: Weihnachten.

Die Wichtel haben nichts, was man als Religion bezeichnen könnte, doch sie achten alles was existiert, auf der Erde und im Himmel. Und als ein Bote, der die Menschen besucht hatte, von einem Fest der Liebe erzählte, da nahmen sie diesen Brauch begeistert an. Sie kennen nur wenige Geschichten von dem Mann, den die Menschen Jesus nannten, doch nach allem was sie von ihm gehört hatten, musste er ein guter Mensch gewesen sein, der die unter den Menschen seltenen Gaben der Nächstenliebe, der Heilung und der Prophezeiung hatte. Unter den Wichteln war all dies nichts Ungewöhnliches und es fiel ihnen nicht schwer, all diese Dinge zu glauben. Doch sie wissen auch um die Zwiegespaltenheit der menschlichen Natur und so erschien ihnen das Leben eines solchen Mannes, als eine durchaus des Feierns werte Angelegenheit. Sie beschenken sich auch gegenseitig, wie es die Menschen tun, wenn auch auf andere Weise, denn bei den Wichteln gibt es keinen persönlichen Besitz. Alles gehört allen zusammen und jeder benutzt das, was er gerade braucht. Benötigen einmal zwei Wichtel eine Sache zur gleichen Zeit, so wird man sich schnell darüber einig, wer sie zuerst benutzen könne und der zweite wartet ebenso geduldig, wie der erste die Sache bereitwillig übergibt, wenn er sie nicht mehr braucht. Selbst die Kinder streiten sich nie. Ihre größte Freude ist es, ein Spielzeug einem jüngeren Kind zu überlassen und der einzige Wettbewerb, den sie kennen, wenn man es so nennen mag, ist es, anderen eine möglichst große Freude zu machen. Und so handhaben sie es auch am Weihnachtsabend. Ein jeder überlegt sich eine ganz besondere Sache, mit der er alle anderen Erfreuen kann. Jeder setzt dazu seine eigene ganz besondere Gabe ein. Der eine erfindet ein neues Lied oder eine Geschichte, der nächste bestickt eine hübsche Tischdecke, der dritte denkt sich ein lustiges Spiel aus und wieder ein anderer strickt lauter bunte Strümpfe oder baut ein Instrument. So wird an diesem besonderen Tag ganz besonders viel Freude geschenkt und geteilt und das Weihnachtsfest ist den Wichteln sehr lieb geworden.

Und heute möchte ich euch von einem ganz besonderen Weihnachtsfest erzählen. Sie spielte sich im Brombeerheckenwald ab, bei der Familie Engelwurz. Sie bestand aus der Großmutter Friwa, dem Großvater Faldor und ihren vier Töchtern Ela, Farla, Golwe und Imra mit ihren Männern Firo, Esal, Geiwa und Bain und vielen vielen Kindern.

Eines Morgens, nach der Teezeremonie und dem Morgengebet waren Großvater Faldor, sein Schweigersohn Bain und die kleine Enkelin Miranor aufgebrochen, um im Wald nach den Tieren zu sehen. Es war ein wunderschöner, klarer Wintertag. Der Schnee lag wie Zuckerguss auf den Bäumen und Felsen, Eiszapfen hingen von den Zweigen und glitzerten in der Morgensonne, das Wasser eines kleinen Bächleins plätscherte leise klingend zwischen filigranen Eisformationen dahin. Unter den Stiefeln der Wichtel knirschte der Schnee gedämpft in der Stille des Morgens. Großvater, Schwiegersohn und Enkelin wanderten schweigend und genossen die tiefe Stille des schlafenden Winters. Plötzlich hörten sie aus der Ferne das perlende Zwitschern eines Vogels. Sie erkannten sofort, dass es ein Rotkehlchen sein musste, doch das Zwitschern klang nicht leicht und unbekümmert, sondern eher flehentlich und traurig. Sie gingen in die Richtung aus der das Zwitschern kam und fanden bald das Rotkehlchen, unter einer großen Tanne sitzen. Den einen Flügel hatte es merkwürdig abgespreizt und jetzt klang sein Gesang noch kläglicher und schmerzvoller. „Guten Tag mein Freund,“ sagte der Großvater, „warum weinst du so? Was ist dir geschehen?“ Und er begann sogleich, nach dem verrenkten Flügel zu sehen. Das Rotkehlchen fiepte auf, doch ließ es den alten Wichtel gewähren, denn es kannte ihn und seine Familie. Es begann zu erzählen: „Guten Tag ihr Wichtel. Ich flog gestern hier durch die Gegend, als ein starker Wind aufkam. Eine Windböe erfasste mich und schleuderte mich gegen einen Baum. Mein Flügel wurde dabei verletzt und ich stürzte zu Boden. Nun kann ich nicht mehr fliegen. Die ganze Nacht verbrachte ich hier in Kälte und Dunkelheit, voller Angst, ein Fuchs könnte mich finden.“ „Du hast Glück gehabt,“ sagte Bain, „die Fuchsfamilie jagt zur Zeit in einem anderen Teil des Waldes und der alte Fuchs, der Zuhause blieb um den Bau zu bewachen, ist gutmütig und taugt nicht mehr zur Jagd. Warum bist du nicht zu uns gekommen? Du weißt doch, wo unsere Höhle liegt.“ „Bei dem Sturz habe ich die Orientierung verloren, außerdem habe ich mich vor Angst nicht von der Stelle gewagt. Ich traute mich kaum zu atmen… AUA!“ schrie das Rotkehlchen, dem der Großvater gerade den Flügel einzurenken versuchte. „Sei unbesorgt,“ sagte dieser, „meine Frau bekommt das wieder hin. Der Flügel ist nicht gebrochen, aber du wirst eine Weile nicht fliegen können. Komm mit zu uns, dort kannst du bleiben, bis es dir besser geht.“ „Oh ja!“ rief Miranor „Wir haben es warm, es ist mehr als genug zu Essen da und vor dem Fuchs bist du dort auch sicher. Meine Geschwister werden sich so freuen!“ Erleichtert und dankbar sah das Rotkehlchen die Wichtel an und hüpfte hinter ihnen her, durch den Schnee. Als sie vor der Höhle ankamen, spielten dort viele der kleineren Kinder. Imra und Golwe schlugen Decken und Teppiche an den Stämmen der jungen Bäume aus. Als sie die Verwandten mit dem Rotkehlchen sahen, liefen die Kinder jubelnd auf sie zu: „Hallo Großvater, hallo Rotkehlchen! Kommst du uns besuchen? Hast du Hunger? Was ist mit deinem Flügel?“ Riefen sie alle durcheinander. „Seid ruhig Kinder!“ rief Imra „Lasst den Großvater erzählen und bedrängt unseren Gast nicht so.“ Da erzählte der Großvater die traurige Geschichte des armen Rotkehlchens. Doch die Kinder freuten sich, weil das Rotkehlchen bei ihnen in der Höhle wohnen sollte. Und es dauerte auch nicht lange, da fühlte es sich wie zu Hause in der gemütlichen Wichtelhöhle. Die Großmutter behandelte den kranken Flügel und er wurde von Tag zu Tag besser und beweglicher. Am Morgen trank das Rotkehlchen den würzigen Tee und sprach den Dank für den neuen Tag, am Tage spielte es mit den kleinsten Kindern, die nicht mit in den Wald gingen und bewachte das Feuer, am Abend sang es seine schönsten Lieder und erzählte die abenteuerlichen Geschichten, die es von den Zugvögeln kannte und in der Nacht, kuschelte es sich mit den Wichteln ins Heu und schlief selig. Die Zeit verging wie im Fluge und schließlich, kam der Weihnachtstag.

Bis spät in die Nacht hinein hatten die Wichtel noch an ihren Geschenken gebastelt und gefeilt. Dennoch standen sie schon in der Frühe auf, als alles noch dunkel war und zündeten die Kerzen an. Sie setzten sich vor dem Feuer zusammen und tranken dicke Nussmilch mit Honig und Gewürzen, Waldblütentee und die Kinder bekamen sogar einige Plätzchen mit Marmelade. Nach dem üblichen Schweigen ergriff der Großvater feierlich das Wort. „Liebe Familie, vor vielen Jahren wurde ein Mensch geboren, der unter seinen Brüdern und Schwestern die Botschaft von Liebe und Güte, von Nachsicht und Vergebung, von Gleichheit und Zusammenhalt verbreitete. Deswegen feiern die Menschen noch heute den Tag seiner Geburt als Fest der Liebe. Und auch wir wollen diesem Weisen Mann die Ehre erweisen, heute seine Geburt und sein Wirken zu würdigen, indem wir dieses besondere Fest feiern. Mit Licht und Freude, Gemeinsamkeit und Besinnung auf das Wesentliche. Den Wert eines jeden Lebewesen und seine Freiheit, die Familie und den Zusammenhalt, Freundschaft und Nächstenliebe. Diese Dinge feiern wir heute mit Tanz und Gesang und unseren besonderen Geschenken.“ Die anderen Wichtel klatschen Beifall und jubelten. Nach dieser Ansprache, zogen sie ihre dicken Mäntel an und wanderten in den weißen Wald hinaus, voll bepackt mit Heu und wildem Hafer, Eicheln, Nüssen und Äpfeln. Sie besuchten die Tiere und brachten ihnen ihre Gaben. Denn dieses Fest sollte für alle sein und alle sollten sich freuen, an diesem besonderen Tag. Die Kinder tobten ausgelassen durch den Schnee und das Rotkehlchen war so fröhlich und unbeschwert, dass es ein ums andere Mal seine Vorsicht vergaß und ein Stück durch die Luft flatterte. Der Flügel war schon fast wieder gesund.

Als es zu dämmern begann, machte die Familie sich auf den Heimweg. Einige Tiere folgten ihnen, um sich die schön geschmückte junge Tanne, vor dem Eingang der Höhle anzusehen. Die Wichtel hatten sie mit Strohsternen, Äpfeln und Nüssen behangen und rote Kerzen befestigt, die nun angezündet wurden. In der Höhle gab es nun das Weihnachtsessen. Von der Decke hingen unzählige Papiersterne und Glaskugeln und überall leuchteten Kerzen. Der Tisch war feierlich gedeckt, mit den schönsten Schüsseln, Bechern und Krügen und mit Tannengrün, Stechapfel und Hegebutten geschmückt. In den Krügen und Schüsseln dufteten heißer Apfel, Obststrudel, Pfannkuchen, Sirupbrot und Honigplätzchen, Pilzragout, Gemüseeintopf und deftige Pasteten. Außerdem standen viele Körbe mit Nüssen, Äpfeln, Birnen und getrockneten Früchten bereit.

Die Wichtel aßen und lachten und scherzten und die Kinder tobten übermütig um die Festtafel herum. Schließlich waren alle satt und versammelten sich vor dem Feuer. Die Stimmung war so ausgelassen und heiter, wie sie nur sein konnte. Dem Rotkehlchen wurde ganz warm um das kleine Herz, als die Wichtel sich gegenseitig ihre Geschenke überreichten oder darboten. Die Freude war groß, ein jeder übertraf sich selbst. Die Wichtel freuten sich weniger über die Geschenke selbst, als vielmehr über die Besonderheit eines jeden Talentes, das durch die Geschenke zum Ausdruck kam. Das Ganze dauerte bis spät in die Nacht hinein und doch wurde keiner Müde.

Als alle Geschenke überreicht waren, wurde es langsam still. Ein behaglicher Friede breitete sich aus und die Gesichter leuchteten in diesem besonderen Glanz. Da ergriff das Rotkehlchen das Wort. „Meine lieben Freunde,“ sagte es, „ihr feiert heute das Fest der Liebe und durch euch weiß ich, was das überhaupt ist: Liebe. Ihr habt mich bei euch aufgenommen, ohne zu zögern, ohne zu fragen, wer ich bin oder woher ich komme, was ich besitze oder was ich kann. Ihr habt euer Essen mit mir geteilt und euer Haus, habt mir Unterschlupf gewährt, mich versorgt und mich in eure Familie aufgenommen. Ich möchte mich gerne bei euch bedanken und euch sagen, dass ich die Zeit bei euch niemals vergessen werde. Sobald ich wieder fliegen kann, werde ich in die Welt hinausfliegen und anderen davon erzählen, was es heißt, zu lieben und zu geben, ohne etwas zu verlangen. Und nun habe auch ich ein Geschenk für euch. Kommt mit und folgt mir.“ Die Wichtel hatten den Worten des Rotkehlchens andächtig gelauscht und der eine oder andere hatte gerührt gelächelt oder seinem Nachbarn liebevoll die Hand gedrückt. Nun sahen sie sich an, erhoben sich schweigend und schlüpften erneut in ihre Wintermäntel. Sie zündeten Fackeln und Laternen an und folgten dem Rotkehlchen in die eisige Winternacht hinaus.

Der Himmel war klar und der Schnee glitzerte im Licht der Sterne. Die Tannen hoben sich dunkel ab gegen den blass leuchtenden Horizont und in der Ferne schrie ein Käuzchen. Die Wangen der Wichtel färbten sich tiefrot und ihr Atem verursachte kleine Wölkchen. Lange hüpfte das Rotkehlchen vor dem Zug her. Die Grenzen des Brombeerheckenwaldes hatten sie längst passiert. Schließlich gelangten sie zum Eingang einer dunklen Höhle. Das Rotkehlchen blieb kurz stehen, drehte sich um und sagte: “Wir sind da. Diesen Ort habe ich vor einigen Wintern entdeckt. Seitdem komme ich Jahr für Jahr hier her und erfreue mich an der Schönheit und dem Zauber, dieses besonderen Ortes. Es hilft mir über manche Entbehrung eines langen Winters hinweg.“ Und dann hüpfte er voran, in die Dunkelheit der Höhle. Die Wichtel schauten sich zunächst verwundert an. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es in dieser Höhle etwas Besonderes geben sollte, geschweige denn, dass sie überhaupt etwas sehen würden. Aber sie folgten dem Rotkehlchen dennoch vertrauensvoll. Lange wanderten sie durch einen Gang aus kaltem Stein. Noch war nichts zu sehen, außer unzähligen Tropfsteinen, die von der Decke hingen. Doch bald bemerkten sie, dass die Höhlenwände im Schein ihrer Fackeln anfingen zu glitzern und zu funkeln, als wären sie von Gold oder Silber durchzogen. Und dann betraten sie plötzlich einen großen Raum, mitten im Berg. Die langen Tropfsteine waren von Eis behangen und bildeten die wunderlichsten Formationen, am Boden wuchsen große Skulpturen aus leuchtendem Kristall und in der Mitte des Raumes war ein stiller See, der grünlich schimmerte. Durch ein Loch, hoch oben in der Decke, schien der Mond herein und sein Licht brach sich im Eis, in den Kristallen und dem Silber an den Wänden. Die Sterne spiegelten sich im Wasser des Sees. Es war ein Funkeln, ein Leuchten und ein Glitzern, wie keiner der Wichtel, nicht einmal der Älteste von ihnen, es jemals gesehen hatte. Atemlos und andächtig standen sie da, mit offenen Mündern und betrachteten diese Pracht und dieses Lichtermeer. Es war, wie in einem verzauberten Land, wie auf einem Stern, in den Tiefen des Weltalls. Es schien kein Oben und kein Unten zu geben. Alles war eins und alles verschmolz miteinander. Das gebrochene Licht malte die Schönsten Farben und tanzte auf den staunenden Gesichtern. Dies war wahrhaftig das Schönste, was die Wichtel jemals gesehen hatten und einige begannen zu weinen, im Angesicht solch vollkommener Schönheit. Die einzigartige Magie des Universums war greifbar an diesem Ort. Es war wie ein kleiner Blick in die Unendlichkeit des Lebens.

Viele Stunden verbrachten die Wichtel und das Rotkehlchen schweigend und staunend an diesem Ort. Als sie sich schließlich auf den Heimweg machten, dämmerte es bereits. Im grauen Licht der Morgendämmerung wanderten sie ergriffen durch die weiße Welt. Schließlich brach der Großvater, der neben dem Rotkehlchen lief, das Schweigen: „Ich danke dir, mein Freund!“ Sagte er nur. Hinten im Zug rief jemand: „Frohe Weihnachten!“ Und da brach ein Rufen und ein Lachen aus: „Frohe Weihnachten!“, riefen sie alle einander zu. Einer der Wichtel stimmte ein Lied an und singend wanderten sie nach Hause, in die Wärme und Geborgenheit ihrer Höhle, wohlbehalten und glücklich, an diesem Weihnachtsmorgen.

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